2G-3G-Regelungen der Gottesdienste: Mit Vollgas ins Dilemma

26. 11. 2021
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Die katholische und evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg haben neue Regelungen im Umgang mit der Pandemie für Gottesdienste in der Advents- und Weihnachtszeit beschlossen. Demnach verfolgt das Erzbistum Berlin überwiegend ein 2G-Konzept mit Ausnahmen; die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hingegen ein 3G-Konzept. Obwohl die Politik es nicht verlangt hat, schließt die katholische Kirche die Türen zur Eucharistie – bis auf je eine Ausnahme pro Pfarrei – für Ungeimpfte. Damit finden die allermeisten Eucharistiefeiern unvermeidlich unter der Bedingung von Ausgrenzung statt.

Sollen Ungeimpfte bis auf Weiteres von der Teilnahme an Gottesdiensten ausgeschlossen werden? Der Staat hat bisher darauf verzichtet, in diesen Bereich der (positiven) Religionsfreiheit einzugreifen. Doch die Kirchen entscheiden nun selbst: Angesichts steigender Inzidenzen wird in mehreren deutschen Diözesen die 2G-Regelung „grundsätzlich“ eingeführt. Die Erzdiözese Berlin schreitet voran. Das bedeutet: Geimpfte und Genesene haben Zutritt zu allen Gottesdiensten; Ungeimpften hingegen bleibt nur noch der Zugang zu einem speziell dafür ausgewiesenen Gottesdienst offen, einem pro Pfarrei, gegen Vorlage eines negativen Test-Ergebnisses.[1]

Diese Regelung führt zu neuer Spaltung, weil die Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften nun den Gottesdienst selbst betrifft. Um Geimpfte vor Ungeimpfte zu schützen? Um Ungeimpfte vor sich selbst und vor Geimpfte zu schützen? Um Druck auf Ungeimpfte aufzubauen, sich impfen zu lassen? Man weiß es nicht genau. Die Regelung trennt auch, nebenbei bemerkt, zwischen den Konfessionen. In Berlin gilt für Katholiken mit Beginn der Adventszeit die „grundsätzliche“ 2G-Regelung. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz erlässt hingegen die 3G-Regelung.[2]

Die katholische Kirche lehrt, dass die sonntägliche Eucharistie „Quelle und Höhepunkt“ des kirchlichen Lebens ist, Feier der Versöhnung mit Gott und untereinander. Nun ist ein Teil der Getauften von der Teilnahme daran „grundsätzlich“ ausgeschlossen. Die katholische Kirche nutzt nicht den Spielraum, den sie hat, um möglich zu machen, was möglich ist. Obwohl die Politik es nicht verlangt hat, schließt sie die Türen zur Eucharistie – bis auf je eine Ausnahme pro Pfarrei – für Ungeimpfte. Damit finden die allermeisten Eucharistiefeiern unvermeidlich unter der Bedingung von Ausgrenzung statt.

Die hat auch Zeichencharakter in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Situation. Da sind auf der einen Seite die gestiegenen Inzidenzen. Da sind aber auch auf der anderen Seite eskalierende Emotionen. Sie richten sich besonders gegen Ungeimpfte. Diese seien schuld an der Pandemie, an der Fortführung der Maßnahmen,[3] an der drohenden Gefahr überfüllter Intensivstationen, an möglichen Schulschließungen, ja sogar an der hohen Zahl der Toten.[4] Aber stimmt das denn wirklich? Wissen wir wirklich so viel, so sicher, dass wir so schwere Vorwürfe kollektiv gegen eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe erheben können? Sind wir, wenn wir diesen Ton anschlagen, überhaupt noch in der Lage, Ehepaaren, Familien, Freundeskreisen, Kollegien und Belegschaften zuzuhören und zu vermitteln, wenn die Frage nach der Impfung sie zu spalten droht.

Gerade für die Kirchen müssten dies Fragen sein. Eine Krise wie die gegenwärtige kann nur polyphon – mehrstimmig – bewältigt werden, nicht dadurch, dass alle mit einer Stimme sprechen. Deswegen wäre es angebracht, wenn Kirchen und Politik sich die Rollen teilen und so zusammenwirken. Die Eucharistie feiert gerade auch die Versöhnung zwischen „Gerechten“ und „Sündern“. Jesus machte sie dadurch möglich, dass er sich eben nicht in diese Schubladen einordnen ließ, weder theoretisch noch praktisch.

Nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Geimpfte stellen sich nun sehr konkret die Frage, ob sie unter 2G-Umständen überhaupt noch zu Gottesdiensten kommen wollen, jedenfalls in absehbarer Zeit – sofern sie absehbar ist. Denn es ist ja gerade nicht absehbar, wie lange die Zeit dauern wird, in der die neuen Regeln in den Kirchen gelten sollen. Die Erfahrungen mit verschlossenen Kirchentüren werden, je länger sie dauern, zu Gewöhnungseffekten führen. Und das wäre fatal.

Fußnoten

Fußnoten
1 Pater Manfred Kollig SSCC, Generalvikar des Erzbistums Berlin: Schutzkonzept für die Advents- und Weihnachtszeit – 2G-Bedingung, in: Rundschreiben, 19.11.2021. https://www.erzbistumberlin.de/fileadmin/user_mount/PDF-Dateien/Erzbistum/2021_Rundschreiben15_Advents-und_Weihnachtszeit.pdf (zuletzt besucht am 24.11.2021).
2 Rahmenhygienekonzept Gottesdienst Advent, Heiligabend und Weihnachten 2021 Innenraum 3 G, in: Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz, 23.11.2021. https://www.ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/ekbo.de/5._SERVICE/Corona/Rahmenhygienekonzept_Gottesdienst_Innenraum_3G_20211123_MV.pdf (zuletzt besucht am 24.11.2021).
3 „Diese Leute rauben den Vernünftigen die Freiheit“, in: Kommentar von Hilmar Klute: November des Zorns, Süddeutsche.de, 21.11.2021. https://www.sueddeutsche.de/meinung/freiheit-ungeimpfte-zorn-verantwortung-solidaritaet-1.5468187?reduced=true (zuletzt besucht am 24.11.2021).
4 „(Die Ungeimpften) müssen sich fragen lassen, welche Mitverantwortung sie haben an den tausenden Opfern dieser Corona-Welle“, in: Tagesthemen – Die Meinung von Sarah Frühauf, MDR, zur Solidarität von Impf-Gegnern. DasErste.de, 19.11.2021. https://www.daserste.de/information/nachrichten-wetter/tagesthemen/videosextern/tagesthemen-21-45-uhr-202.html (zuletzt besucht am 24.11.2021).

Kommentare

  • Thomas Gehrmann
    Verfasst am 04.02.2022 um 22:07 Uhr Antworten

    Auf den Text von Pater Klaus Mertes stieß ich bei einer Recherche zum Artikel von H. Klute, gegen welchen ich Anzeige wg. Volkverhetzung erstattet habe.
    Auch mich bedrückt, dass die „katholische Kirche nicht den Spielraum nutzt, den sie hat, um möglich zu machen, was möglich ist.“
    Eine Freundin ist aus der Kirche ausgetreten, weil sie deren Haltung in der C-Frage unerträglich fand. Ich habe meinem Pfarrer geschrieben, dass ich nicht mehr zur Messe gehen werde, solange dort Maskenzwang herrscht.
    Thomas Gehrmann

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