Die Union braucht die Kirchen und die Kirchen brauchen die Union – Ein kleiner Weckruf in Anbetracht wachsender Entfremdungstendenzen

09. 02. 2026

Es kommt immer häufiger zu öffentlich wahrnehmbaren Spannungen und bedenklichen Entfremdungstendenzen zwischen den Unionsparteien und den beiden großen Kirchen, und zwar in einem Ausmaß, das bei der Gründung der CDU im Jahre 1945 oder über weite Jahrzehnte der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der breiten gemeinsamen christlichen Wertebasis noch völlig undenkbar gewesen wäre. Diese Entfremdungstendenzen sollten sehr ernst genommen und keineswegs marginalisiert werden, und zwar auf beiden Seiten, kirchlich wie parteipolitisch.

Die überragende Mehrheit der Mitglieder von CDU (und CSU) ist – im Gegensatz zu allen anderen Parteien – immer noch einigermaßen selbstverständlich kirchlich verbunden und bejaht insofern die aus dem christlichen Glauben ableitbaren Grundwerte und Haltungen. Eine zumindest recht hohe parteipolitische Sympathie für CDU und CSU, die relativ höchste sogar im Vergleich zu allen anderen Parteien, spiegelt sich umgekehrt zwar auch in der kirchlichen Gesamtmitgliedschaft wider, also beim „Kirchenvolk“, nicht jedoch in den kirchlichen Leitungsmilieus und beim theologischen Führungsnachwuchs. Hier herrscht vielmehr, ähnlich wie beim ÖRR und in weiten Teilen des Kulturbereichs, eine ziemliche Asymmetrie: Große Teile gerade des kirchenleitenden Personals sympathisieren politisch seit Jahrzehnten überwiegend mit linken Gedanken und Parteien, hauptsächlich mit der SPD und den Grünen. Für viele Angehörige der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ entsteht insofern das wachsende Gefühl einer immer größer werdenden Repräsentationslücke im Hinblick auf die eigenen, gerade auch kirchlicherseits durchaus als legitim empfundenen, aber vom links geprägten Mainstream nun einmal abweichenden Sichtweisen und Positionen. Diese deutliche Milieuverengung, insbesondere innerhalb der evangelischen Kirche, führt dann zu fortschreitendem Unmut vor allem bei denen, die durch ihre Kirchensteuerbeiträge zu einem Großteil noch das verlässliche finanzielle Rückgrat der Volkskirchen bilden. Das führt dann häufig zu Entfremdungserfahrungen, zu wachsendem Verdruss und in letzter Konsequenz auch zum Verlust der binnenkirchlichen Beheimatung. Kirchliches Personal in Leitungsverantwortung, auf diesen mittlerweile schon jahrzehntelang offenkundigen Missstand angesprochen, leugnet diesen Tatbestand zumeist kategorisch oder verbrämt ihn theologisch. So schwelen viele der internen kirchenpolitischen Konflikte z. T. schon jahrelang subkutan, bis sie sich dann aber schließlich doch irgendwann Bahn brechen. Unbearbeitete Konflikte kann man auf Dauer eben nicht verdrängen.

Eines von zahlreichen Beispielen solcher Entfremdungserfahrungen von Kirche und christdemokratischer Politik aus jüngster Zeit war die „Gemeinsame Stellungnahme“ der beiden Kirchenbüros zum sog. „Zustrombegrenzungsgesetz“ mitten in der heißen Phase vor der letzten Bundestagswahl. Diese war aus Unionssicht nicht nur sehr unglücklich und in der Sache wenig förderlich, sondern wurde von den allermeisten Christinnen und Christen in der Union auch als eine nicht akzeptable Grenzüberschreitung im Hinblick auf den eigentlichen Verkündigungsauftrag und die eigentliche Kernkompetenz der Kirchen empfunden. Denn die Kirchen sollen ihrer Ansicht nach zwar Politik möglich machen, diese aber nicht selbst in einseitiger Weise oder sogar in aktivistischer Manier betreiben. Natürlich hat dieser offene Dissens zu Beginn des letzten Jahres in den beiden Unionsparteien zu starkem Unmut und auch zu zahlreichen Kirchenaustritten geführt. Nichtsdestotrotz, so leider zumindest mein persönlicher Eindruck, hält man jedoch kirchlicherseits bis heute – mit ganz wenigen Ausnahmen – vollumfänglich an der damaligen Unionskritik fest und rechtfertigt damit auch noch einmal die höchstproblematische Art und Weise ihrer Publikation mitten im Bundestagswahlkampf. Diese Episode sollte nun keinesfalls überbewertet oder dramatisiert werden, aber sie ist durchaus beispielhaft für viele vergleichbare Auseinandersetzungen und Spannungen zwischen den Unionsparteien (mitsamt ihrer breiten Wählerschaft des gesellschaftlichen Mittelagers) und den Kirchen, nicht nur beim Thema „Migration“, sondern auch in Bezug auf andere bedeutsame und strittige politische Themen.

Es scheint mir, als fehle es im öffentlich-gesellschaftspolitischen Diskurs vielfach und zunehmend auf beiden Seiten, sowohl in der Kirche als auch in der Politik, an hinreichender Selbstkritik und an gegenseitigem Verständnis für die legitimen Perspektiven der unterschiedlichen Positionen des jeweils anderen. Es besteht deshalb dringender Redebedarf zwischen der Union und den Kirchen. Und dieses Reden sollte auf allen Ebenen endlich wieder vertrauensvoll – also miteinander statt übereinander – stattfinden; eigentlich so, wie es sich für Geschwister im Glauben oder zumindest für Anhängerinnen und Anhänger derselben christlichen Wertanschauungen auch gehört. Dass z. B. das letzte turnusmäßige Treffen zwischen dem Präsidium der CDU und dem Rat der EKD noch in die Kanzlerschaft von Angela Merkel datiert, spricht Bände!

Beide Seiten, sowohl die beiden Volkskirchen als auch die beiden Volksparteien mit dem „C“ im Namen, schaden sich und ihrem gemeinsamen Auftrag am Ende gegenseitig, wenn sie sich auch künftig nicht wieder besser miteinander ins konstruktivere Benehmen setzen. Beide Seiten sollten wieder neu begreifen, dass sie einander brauchen und tief miteinander verbunden sind. Andernfalls dürften die Entfremdungstendenzen in Zukunft weiter zunehmen. Denn auch für die familia Dei gilt, was wir aus der seelsorgerlich-therapeutischen Praxis kennen: Wenn es Jahr für Jahr immer mehr Spannungen als schöne gemeinsame Momente gibt, dann ist das ein absolutes (in diesem Falle auch nicht zuletzt ein geistliches) Warnsignal.

Was könnte das nun aber konkret für den weiteren gemeinsamen Verständigungsweg bedeuten?

Die Kirchen, insbesondere aber die Kirchenleitungen und Führungsgremien, sollten einmal selbstkritisch überlegen, ob ihre z. T. sehr ausgeprägte Neigung, sich zu allen möglichen tagespolitischen Fragen zu äußern, wirklich zwingend ihrem ureigensten theologischen Verkündigungsauftrag entspringt oder nicht viel eher oft nur den eigenen, letztlich sehr subjektiven Prägungen bzw. politischen Vorlieben geschuldet ist. Und die Kirchenleitungen sollten ebenfalls erkennen, dass, wenn sie die breite gesellschaftliche Mehrheit und Mitte im Lande nicht mehr erreichen oder sogar gezielt mit ihren zunehmend als politisch einseitig wahrgenommenen Botschaften verprellen, sie am Ende auch sich selbst schaden – von ihrem eigentlichen Grundauftrag, dem geistlichen Verkündigungsamt, einmal ganz zu schweigen. Auf diesem Wege werden sie nur weitere Kritik, Empörung und Unverständnis ernten und noch rapider an gesellschaftlicher Relevanz und (Mit)Gliedern verlieren. Die Union ist übrigens die letzte Partei, die daran auch nur irgendein Interesse haben könnte. Ganz im Gegenteil: Denn ihre Identität und Glaubwürdigkeit hängen schließlich ebenfalls wesentlich am „C“.

Deshalb muss auch die Union, man verzeihe mir den Ausdruck, „höllisch“ aufpassen, dass sie ihrem eigentlichen Kompass, dem christlichen Menschenbild und ihren lebendigen C-Überzeugungen, treu bleibt. CDU und CSU stehen und fallen letztlich mit dem C. Die Union kann es sich eben nicht leisten, ihren christlichen Kern zu verleugnen, und sie kann es sich schon gar nicht leisten, mit ihren Kirchen, in denen die große Mehrheit ihrer eigenen Mitglieder noch tief beheimatet und verwurzelt ist, nicht das allerbeste Verhältnis zu pflegen.

Ich hätte es mir beispielsweise noch bis vor kurzem nicht träumen lassen, dass wir einmal eine parteiinterne Debatte bekommen würden, in der das C im Parteinamen infrage gestellt werden würde. Zum Glück konnten wir das dann mit überragender Parteitagsmehrheit verhindern. Auch das Vorgehen bei der bereits erwähnten Abstimmung im Deutschen Bundestag zur Migrationspolitik hat verständlicherweise zu massiven kirchlichen Irritationen und Vertrauensverlusten bei der Wählerschaft geführt. Und dass jüngst nun auch schon eine prominente CDU-Politikerin die Abschaffung eines kirchlichen Feiertages propagiert, zeigt, wie ernst die Lage werden kann, wenn sich solche fatalen Erosionsprozesse am „C“ auch in den Unionsparteien weiter verstärken. Jedem Christdemokraten und jeder Christdemokratin muss klar sein: Nur wenn die Union das C auch in ihrem öffentlichen Politikangebot auf allen Ebenen wieder glaubwürdig und überzeugend kommuniziert und dann auch wirklich menschennah und überzeugend lebt, wird sie als Volkspartei Bestand haben.

Kurzum: Die Union braucht die Kirchen und die Kirchen brauchen die Union!

Das sollte uns, gerade auch bei unseren zeitweiligen „Familienstreitigkeiten“, als Geschwister im Glauben – ob nun als in Volkskirche, in Volkspartei oder ganz häufig auch in beiden Bereichen Engagierte – allesamt zum klügeren und bedachtsameren Umgang miteinander sensibilisieren.

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